„Ich bin drin!“, freute sich im Jahr 2000 Tennisstar BORIS BECKER in einem Werbespot eines Internetproviders. So einfach war es nun, mit nur wenigen Klicks die virtuellen und schier unendlichen Informations- und Unterhaltungsräume des Internets zu betreten und aktiv zu partizipieren.
Mit dem Durchbruch des Browsers wurde das Internet Mitte der 1990er-Jahre immer mehr zum Massenmedium und sorgte für einen exponentiellen Anwuchs von Netzinhalten. Während viele der klassischen Medien zunächst einmal abwarteten und hartnäckig versuchten, ihre Inhalte vor dem Netz zu schützen, wuchs der sogenannte User Generated Content, der sich in zahlreichen privaten Webseiten, ersten Blogs, Kommentaren und Foren manifestierte. Im Vergleich zu den klassischen Medien bot das Internet damit zum ersten Mal in der Mediengeschichte massenpublikumswirksame Partizipationsmöglichkeiten, die bis heute anhalten und weiter die massenhafte Produktion und Bereitstellung von Wissen, Information und Unterhaltung fördern.
Heute sind es die zahlreichen Social-Media-Angebote, Dienste und Plattformen, die den kommunikativen Alltag im Internet prägen. Die Rede ist vom Social Web. Dabei liegt der kommunikative und sozialvernetzende Kern des Internets bereits in seiner Infrastruktur. Es ist nur folgerichtig, dass sich der Mensch als Sozialwesen mit seinen kommunikativen und interaktiven Bedürfnissen auch hier wechselseitig bedingende Angebote und Nachfragen schafft. Nicht zuletzt ist diese Beziehung auch ein Grund für die fortwährend neuerscheinenden Anwendungen im Social Web, von denen zwar viele nach kurzer Zeit unbeachtet wieder verschwinden, manche aber durch ihre bedürfnisweckende Strahlkraft neue Angebots- und Gebrauchsfunktionen etablieren.
Diese Prozesse führen allerdings auch zu einer permanenten Durchmischung verschiedener Angebots- und Gebrauchsfunktionen und Elemente. Prototypische Angebote wie FACEBOOK oder TWITTER und mit ihnen die zahlreichen Dienste, die diese Angebote in weiteren Anwendungen bündeln und kombinieren, sind somit immer auch Hybride. Mischformen, die sich einer einfachen Beschreibung entziehen.
In seinem Versuch, FACEBOOK zu beschreiben, kommt MATHIAS MERTENS zu dem Schluss, dass es sich hierbei nicht um eine neue Form handelt, sondern um viele bekannte Formen, die dort vereint werden: „FACEBOOK ist ein Komplex aus altbekannten Formen, der sich aber anders anfühlt, neuer, interessanter, besser, komplexer, überwältigender, was auch immer“. Als Hybridangebot spricht es unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse an und verschaltet so zugleich verschiedenste berufliche wie private Nutzungsmodi. FACEBOOK und TWITTER fungieren als professionelle Netzwerk- und Informationsplattformen ebenso wie als Orte privaten Plauschs und Austauschs. Hier vermischen sich Privatkommunikation, Entertainment-, Wissens- und Nachrichtenangeboten derart, dass von einer impliziten Nutzung solcher Angebote kaum mehr ausgegangen werden kann. Unterhaltungs- und Gebrauchsmedialität fallen in FACEBOOK & Co. gleichsam zusammen. Und das vereint auf einer Plattform, auf die von unterschiedlichsten stationären wie mobilen Geräten zugegriffen werden kann.
Mit der steigenden Popularität der Social-Media-Plattformen hat sich das Internet von einer Verbreitungs- zu einer Konversationsplattform gewandelt. Nicht die Kommunikationsanbieter entscheiden hier, wie und welche Informationen und Angebote verbreitet werden sollen, sondern die Nutzer selbst. Jeder Einzelne kann nun zum Kommunikator und Content-Produzent werden, jede Story populär.
Das stellt jeden professionellen Kommunikator und Journalisten vor neue Herausforderungen. Denn es sind nicht nur technologische Hürden und fehlendes Know-how, die Einstiegsbarrieren darstellen. Die kommunikative Rolle und das Selbstverständnis verändern sich vollständig. Denn im Social Web ist Kommunikation immer ein wechselseitiger Prozess. Es ist ein Dialog. Und diesen muss man ernst nehmen und bedienen, wie RAINER MEYER etwas polemisch konstatiert: „[...] den im Internet Schreibenden [droht] eine stetige Entwicklung neuer Dienste und Möglichkeiten, denen man sich immer wieder anpassen muss, um im Gespräch zu bleiben. Der Paradigmenwechsel, der sich hier andeutet, schafft den stationären Sender ab, zu dem es früher keine Alternative gab. Medienmarken, Journalisten und Blogger werden sich in der unangenehmen Situation befinden, den im Netz verstreuten Nutzern nachzukriechen und ihnen ihre Sichtweisen und Diskurse zu offerieren, bevor es ein anderer tut, der weniger Dünkel, aber mehr Willen zum Überleben in einer Epoche hat, da das Printgeschäft nicht mal mehr zur Subventionierung verlustreicher Online-Aktivitäten taugt.“ (JS)
Hintergrund
Gekürzte Fassung eines Beitrags von Jürgen Sorg, der unter dem Titel "Ich bin Wir sind drin!
Wissen, Infrastruktur und Sozialität" in der digitalen Gesellschaft in der Juli Ausgabe des Fachjournalist erschienen ist.